Geschichte der Kontaktlinsen

Fehlsichtigkeit ist so alt wie die Menschheit. Die Brille tauchte als relativ junge Sehilfe wohl erst Ende des dreizehnten Jahrhunderts auf. Sie war das Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung auf dem optischen Sektor. Niemand weiß, wer die erste Brille herstellte. Die Kontaktlinse dagegen besitzt gleich mehrere "Väter". Ihre Erfindung entsprang nicht etwa der Eitelkeit von Brillenträgern, sondern rein medizinischem Forschergeist.

Der Augenarzt Adolf Fick, geboren 1852 in Marburg, stellte 1888 in seiner Doktorarbeit die "Contactbrille" vor.
Es handelte sich dabei um geblasene "Glasschälchen", die unter die Lider geschoben wurden und das Auge völlig abdeckten. Den Leerraum zwischen Hornhaut und Glas füllte Fick mit einer Traubenzuckerlösung.

August Müller, geboren 1864 in Mönchengladbach, litt selbst unter starker Kurzsichtigkeit.
1889 promovierte Müller mit der Doktorarbeit "Brillengläser und Hornhautlinsen", in der er exakt die Wirkungsweise von Kontaktlinsen beschrieb. Müller setzte seine Theorie in die Tat um und konnte die eigene Kurzsichtigkeit tatsächlich leidlich korrigieren.

Der Augenarzt Eugene Kalt, geboren 1861 im Elsaß, stellte der medizinischen Akademie in Paris 1888 seine Glasschalen zur Behandlung von Keratokonus (Verdünnung und Verwölbung der Hornhaut) vor. Zunächst besaßen sie keinerlei optischen Schliff. Später verwendete kalt dann geschliffene Gläser mit einer Brechkraft zwischen ein bis zwei Dioptrien.

Im Jahr 1918 erhielt Carl Zeiss ein Patent für Kontaktlinsen aus Zelluloid, deren optische Qualität allerdings noch wenig überzeugte. Trotzdem war damit der erste Schritt zur Kunststofflinse und damit zur kleineren und besser verträglicheren Kontaktlinse getan.
Kontaktgläser der Anfangszeit waren normalerweise Sklerallinsen, die Pupille, Iris und Lederhaut abdeckten. Die Verarbeitung von Kunststoffen erlaubte den Übergang zu Corneallinsen. Sie liegen lediglich über der Hornhaut und "schwimmen" auf einem dünnen Tränenfilm. Plexiglas erwies sich als idealer Werkstoff.
Etwa ab 1928 kam Polymethylmethacrylat (PMMA) zum Einsatz. Aus diesem Material entstanden optisch erstklassige Kontaktlinsen - mit dem Nachteil, dass sie weder sauerstoffdurchlässig noch hydrophil waren. Es lag somit nahe, nach einem weichen, wasseraufnahmefähigen, gasdurchlässigen und dadurch verträglicheren Material zu suchen.
Ab Mitte der fünfziger Jahre wurde mit Hydroxyaethylmetacrylat (HEMA) experimentiert, und 1971 kamen die HEMA-Linsen in Amerika und Deutschland auf den Markt. Heute sind weiche wie auch hartflexible Kontaktlinsen bestens verträglich und höchst komfortabel.

(Quelle: Helen Ann Augst, Im Blickpunkt: Kontaktlinsen, München: Humboldt-Taschenbuchverlag 1994)